Mein Geburtstag

Schönes und langes Geburtstagsgedicht von Johann Gottfried Seume.

Mein Geburtstag

Dreissig Mal ist mir das Jahr entronnen;
Und was hab' ich aus dem Flug gewonnen?
Wie ein Kahn durch Stürme, Flut und Wogen,
Sind sie adlerschnell dahin geflogen.

Aus dem Hinterhalt hat, wenn ich lachte
Und nur Frohgenuss des Lebens dachte,
Oft der Tod mir in den Maientagen
Zu der grossen Reise Lärm geschlagen.

Von des Meeres tiefem Felsengrunde,
Aus der Kriegsmaschine Feuerschlunde
Gähnte von der Parze schwarzen Wegen
Mir Verderben oft und grell entgegen.

Und ich sah durch die gebrochnen Glieder,
Hingestreckt vom Würger, meine Brüder
In der Sterbestunde letzten Zügen
Blutig röchelnd, betend, fluchend liegen.

Auf der alten und der neuen Erde,
Von dem Fürstensaal zum Bettlerherde,
Hört' ich Menschen über Menschenplagen
Mit des Jammers heissen Tränen klagen.

Auf der Wollust seidnem Dunenlager
Sass der Kummer abgehärmt und hager;
Unterm Strohdach auf der Binsenmatte
Weinte stummen Schmerz des Elends Gatte.

Himmel, schlagen deiner Strafen Flammen
Alle, alle über uns zusammen?
Hier und hier ist aller Marter Quelle:
Braucht der Frömmler denn noch eine Hölle?

Leidenschaften wühlen an den Stützen,
Die den armen Stamm des Lebens schützen:
Und sie wühlen oft in einer Stunde
Ganzer langer Jahre Werk zu Grunde.

Und die himmlische Natur zu rächen,
Kocht ihr Busen herrliche Verbrechen,
Die in Fluch verwandeln Gottes Segen,
Und durch Elend Keim zu Elend legen.

Bosheit giesset zu dem Tränenmahle
Schleichend Gift noch in die Wermutschale;
Und die Torheit, ihre Schwester, bietet
Fertig ihr die Hände, wenn sie wütet.

Aus dem alten orthodoxen Mantel
Sticht des Unsinns giftige Tarantel;
Aus der Irrphilosophie Gewimmel
Fliegen Zweifel über Gott und Himmel.

Götterliebe sinkt zu feilen Lüsten,
Unser schönes Eden zu verwüsten:
Tiefer Groll durchbrütet seine Galle
Zu des sichern Bruders nahem Falle.

Einer zehret kühn mit hohem Mute
Von gepeitschter tausend Sklaven Gute,
Die ihr letztes Bisschen armes Leben
Seiner Schwelgerei zur Beute geben.

Und wenn sie sodann vom Schlaf erwachen,
Gleicht ihr Wüten dem Hyänenrachen,
Der mit ungezähmtem Grimme schlachtet,
Und den künftgen Augenblick verachtet.

Vater, wird zur Rettung hier auf Erden
Nicht Vernunft einst Herrscherinn noch werden,
Und die Ungerechtigkeit verbannen?
Jetzo gibts nur Sklaven und Tyrannen.

Wird Asträa nicht, uns Heil zu geben,
Noch ein Mahl herab vom Himmel schweben,
Und das göttliche Geschenk zu rächen,
Einst des Treibers Eisenstecken brechen?

Dass ein jeder in dem Abendrote
Psalmen singe, nicht bei Gnadenbrote;
Dass sich unter ihrer Väter Buchen
Nicht Bedrücker und Bedrückte fluchen:

Dass man ohne Furcht vor Blutgesinde
Froh für sich die Weizengarben binde;
Dass der Sohn des Vaters Segen erbe,
Und ein jeder wo er wünschet sterbe.

Werd' ich noch den Göttertag erleben,
Wo die Hand nur Brüdern Brüder geben?
Wo kein Erdensohn den Schöpfer höhnet,
Und als Knecht dem Nebenmenschen fröhnet?

Wo Natur ihr grosses Werk vollendet,
Einem jeden seine Spende spendet?
Wo in schönen neugebornen Tagen
Menschen nur noch ihre Leiden tragen?

Wo Tyrannen boshaft nicht die Klauen
In das trockne Mark der Brüder hauen;
Wo kein Mensch hinauf zu Menschen wanket,
Und gegeisselt für die Gnade danket?

Wo das Schwert nicht bloss das Recht besiegelt,
Und dem Rechte jeden Weg verriegelt;
Wo nicht Tod und Ketten edeln Bürgern
Heilig drohen von gedungnen Würgern?

Vater, gib mir Mut und lass mich hoffen;
Noch wird einst vielleicht der Punkt getroffen;
Noch lernt man vielleicht einst dich verstehen
Und die Wege deines Lichtes gehen.

Vater, gib mir Kraft, wenn Pflicht mich fordert,
Kraft, so gross wie Feuer in mir lodert,
Dass ich ohne Furcht die Wahrheit sage,
Und für deine Wahrheit alles wage.

Wenig hab' ich noch in meinem Leben
Für die gute Sache hingegeben,
Bin vielleicht an meinem Wanderstabe
Nur an Bart ein Mann, an Geist ein Knabe.

Durst nach Taten brennt in meiner Seele,
Taten, die mein guter Engel zähle:
Werd' ein Held im Blut der Menschheit Rute;
Wahre Grösse ist nur wahres Gute.

Vater, hilf die Stunden mir gewinnen,
Bis der Urne letzte Tropfen rinnen;
Dass ich dann in meines Lebens Buche
Nicht vergebens meine Werke suche.

(Johann Gottfried Seume 1763-1810, deutscher Dichter, Schriftsteller)

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